Dienstag, 11. November 2014

Rezension: Nora Lachmann * Die Quintessenz von Staub

Broschiert: 218 Seiten
Verlag: bookshouse   
ISBN-13: 978-9963525133   
Preis: 11,99 EUR   
E-Book: 3,99 EUR 
Reihe: 1/1  
Erscheinungsdatum: August 2014

 
Inhalt:
Marie wird zum Abendessen bei ihrem Bruder eingeladen und wie immer versucht dieser seine graue kleine Schwester zu verkuppeln. Was natürlich sehr lästig ist und auch gar nicht in ihrem Sinne, sie fühlt sich nämlich alles andere als unbeobachtet und mehr auf dem Präsentierteller. Schaut her, sie hat noch keinen Kerl abbekommen, und das mit Mitte 30, das muss man doch ändern. Diesmal ist alles aber anders, denn ihr Tischpartner ist charmant, intelligent und hat nur Augen für sie. Marie ist geschmeichelt und ist weiteren Verabredungen nicht abgeneigt. Schnell werden sie ein Paar, schnell lässt Marie für ihren Arzt alles stehen und liegen und ganz schnell entwickelt sich eine Abhängigkeit. Pius möchte Marie nämlich für sich ganz alleine und hat große Pläne, ob Marie mitspielt oder nicht, erst bei dem Thema Kinder wird Marie wach und stellt sich dagegen zum großen Verdruss von Pius. Dieser hat nun mal ganz andere Vorstellungen. Tja und Forschung geht doch über das Wohl von einen, für vielen anderen darüber hinaus. Wird Marie endlich aufwachen? Kann Pius sein Vorhaben durchsetzten? Was wird ihn diese Forschung kosten? Kommt Marie endlich hinter die Pläne von ihrem Pius? Oder wird sie zugrunde gehen?

Meinung:
Nora Lachmann ist mir bis jetzt nur als Übersetzerin bekannt gewesen und darin macht sie einen wirklich tollen Job. Nun hat sie sich auch zum ersten Mal als Autorin getraut und gleich mit einem, so, schweren und erschütternden Thema, denn ihre Geschichte erzählt von Abhängigkeit und Missbrauch des eigenen Körpers. Wie schleichend so ein Prozess sein kann, erleben wir durch Marie hautnah mit und das die Autorin Psychologie studiert hat, merkt man dieser Erzählung sehr an.
Wir lernen also Marie, direkt bei ihren aufeinandertreffen mit Pius, kennen und merken gleich, ihr mangels an Selbstbewusstsein. Sie sieht sich selbst als graue Maus und meint, das sie für die Männerwelt einfach unattraktiv und uninteressant ist. Das spiegelt sich auch in ihrer ganzen bisherigen Lebensgeschichte wieder. Immer noch Single, gibt sich die Schuld, dass der Vater die Familie verlassen hat und einen Bruder, der nicht nur gut aussieht, sondern auch immer im Mittelpunkt steht. Marie kommt immer hinten dran, ihr Leben war bis jetzt immer als Randfigur, das Einzige was sie wirklich mit Leben fühlt ist ihr Buchladen und dann kommt Pius. Dieser charismatische charmante Mann, der ihr das Gefühl gibt die schönste Frau auf der Welt zu sein und der sie auf Händen trägt. Marie ist erfüllt mit Glückshormonen und kann gar nicht glauben, dass ihr das noch passiert, aber schnell wird auch klar, dass er sehr einnehmend ist. Pius sorgt dafür, dass sie ihre Familie und Freunde vernachlässigt und die Zeit nur mit ihm verbringt, das sie sich für seine Forschungen interessiert und so schön wie es an Anfang ist, so schleichend ist der Prozess, in dem Pius sie haben will, nämlich für sich, nämlich als sein persönliches Forschungsobjekt.
Mir als Leser ging es oft so, das ich die Luft anhalten musste und echt vor mich hin gemurmelt habe, dass Marie doch aufwachen und nicht so blind in ihr Unglück laufen soll. Aber es soll noch viel schlimmer kommen und die Absichten von Pius werden für Marie erst klar, als es schon zu spät für sie ist. Ein erschreckendes Ergebnis ist die Folge und ein wirklich harter Kampf beginnt für Marie. Was mich aber wirklich erschreckt hat, ist das ganz Szenario, man meint doch man lebt in einer modernen Welt, die Frauen sind gleichgestellt mit den Männern und so was dürfte doch gar nicht passieren, oder so weit darf es doch nicht kommen, aber Pustekuchen. Diese Geschichte führt nochmals alle dunkeln Seiten des Menschseins auf, Kontrolle, Abhängigkeit, Missbrauch, körperlich wie auch seelisch und den Weg dorthin. Erschreckend, wie schnell es geht und wie weit man es treiben kann, mit den Vortäuschen der angeblich guten Motive. Bei Pius trifft wirklich Genie und Wahnsinn genau auf ein einander und mann muss sagen er hat sich wirklich das richtige Opfer ausgesucht und es macht einen wütend. Auch die Familie und die meisten Freunde machen einen in dieser Geschichte sprachlos und zeigen einmal mehr auf, wie unsere Gesellschaft funktioniert, jeder denkt an sich zuerst und an seinen eigenen Nutzen aus der misslichen Lage eines anderen. Eine Geschichte, die erschreckt, die nachdenklich stimmt, die einen wütend macht und einen mit komischem Gefühl zurück lässt.
Nora Lachmann ist hier wirklich eine Schilderung in den Abgrund, der menschlichen Psyche, gelungen und der Weg dorthin hinein ist so gut beschrieben, dass es einen Schauer über den Rücken jagt. Der Weg da hinein ist so schnell angetreten und der Kampf daraus hinaus fast nicht möglich. Allerdings muss ich sagen das mir manchmal ein wenig mehr Geschichte und Raum gefallen hätte. Dadurch das nur Marie erzählt wirkt es manchmal etwas plastisch und nicht ganz rund. Mal hier und da ein bisschen mehr wäre angenehm gewesen und ein Stück zum Luft holen. Aber mir hat ihr Debüt gut gefallen, so schrecklich auch der Inhalt war, so gut war dieser auch umgesetzt und verständlich geschildert. Ich bin gespannt, was noch folgen wird von dieser Autorin, aber jetzt brauch ich erst mal wieder eine Übersetzung von ihr zum Entspannen.

 
Henry und ich sind von diesem Horrortrip sehr gefesselt gewesen und vergeben vier Bücherpunkte:

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Über die Autorin: 

Geboren 1957 in Berlin, ummauert aufgewachsen. Ausgeflogen nach Hamburg und in die Toskana. Viel gelernt, erst Psychologie, später Englische und Deutsche Literatur. Zurückgekehrt, zwei Kinder großgezogen und lange als Psychotherapeutin Menschen begleitet. Nach der Jahrtausendwende den Neuanfang gewagt und seitdem als Autorin und Übersetzerin im neuen Beruf heimisch geworden. In der Zeit, die bleibt, auf den Meeren unterwegs. 

 
Vielen lieben Dank an den bookshouse Verlag für das  Rezensionsexemplar. 

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