Donnerstag, 4. Juni 2015

Rezension: Gianrico Carofiglio * Am Abgrund aller Dinge


Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Goldmann 
ISBN-13: 
978-3442312276
Preis: 19,99 EUR
E-Book: 15,99 EUR
Reihe: 1/1
 

Erscheinungsdatum: April 2015 


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Inhalt:
Enrico Vallesi geht wie jeden Morgen auswärts frühstücken und liest dabei wie immer Zeitung, bis ihm etwas auffällt und er alles stehen und liegen lässt. Er packt seinen Koffer und setzt sich in den Zug, in seine Geburtsstadt Bari und beginnt eine Reise in die Vergangenheit, denn in der Zeitung stand etwas von einem Überfall und einem getöteten Mann. Der Name von dem Mann hat etwas in ihm ausgelöst, das sein Unterbewusstsein lange verdrängt hat und so wird er wieder zum Schüler und denkt über seine damaligen Erlebnisse und Entscheidungen nach und merkt, er muss sich diesem stellen, um endlich Ruhe und Frieden zu finden. Was hat Enrico damals erlebt? Warum bringt ihn der Name so durcheinander? Und warum sucht er nach Antworten und Frieden in seinem Leben?

Meinung:
Ich habe ja eine Schwäche für italienische Autoren und Kriminalromane, und mit Gianrico Carofiglio habe ich wieder so einen wunderbaren Autor für mich entdeckt und er konnte mich damals mit seinen Avvocato Guido Guerrieri sehr begeistern. Dabei sind es nicht nur seine Fälle, sondern auch das Ganze drum herum, seine Figuren machen einiges mit und wir dürfen ihnen sehr nahe kommen. Sie sind nicht unbedingt die Vorbilder unserer Gesellschaft, sondern machen auch mal Fehler und versuchen damit zu leben, so sind seine Bücher immer sehr realitätsnah und einfach sehr lesenswert.
Nun habe ich zum ersten Mal eins seiner Bücher gelesen, die nichts mit seiner Anwaltsfigur zu tun hat, sondern einen seiner Einzelbände, wo er sich Enrico Vallesi vornimmt und uns aufzeigt, wie sehr Entscheidungen aus der Jugend, das ganze Leben beeinflussen können.
Die Geschichte wird aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt, zum einen haben wir den erwachsenen Enrico, der uns Leser mit Du anspricht und seine Geschichte uns so ausbreitet, als wären wir die Person. Der andere Strang ist der junge Enrico, der Schüler, der es seinen Vater nicht recht machen kann und Interessen hat, die nicht wirklich zu einem Jungen seiner Zeit passten. So bekommen wir ein Bild vom Ausgang und vom Anfang der Geschichte und werden mit kleinen Etappen dazu hingeführt, warum ihn dieser Name in der Zeitung so durcheinanderbringt.
Im ersten Moment war ich ein bisschen verwirrt, ich bin davon ausgegangen, dass es sich hier um einen Krimi handelt, aber das ist er eigentlich nicht. Es ist eher eine Darstellung was passiert, wenn man nicht den Mut hat, sein Leben in die Hand zu nehmen und mit Entscheidungen leben muss, die man später bereut. Enrico Vallesi ist ein erwachsener Mann, ein Eigenbrötler, der sich gern aus allem raushält und davonläuft. Sein Leben scheint irgendwie stehen geblieben zu sein und er fühlt sich müde, resigniert und lässt keinen wirklich an sich ran. Sich selbst zu öffnen und die Wahrheit zu sagen, über das, was er denkt und was er tut, hat er schon lange verlernt. Er spielt allen etwas vor und sich am aller meistens. Diese Reise für ihn in die Vergangenheit lässt was geschehen, je mehr er in seiner alten Stadt ist und Erinnerungen daran zulässt, um so mehr legt er Schicht um Schicht ab und lässt sich und uns Leser in sein Inneres blicken.
Gleichzeitig erleben wir den jungen Enrico, der es leid ist immer der Schwächere zu sein und sich heimlich von einem Mitschüler zum Schläger ausbilden lässt. Aber gleichzeitig hat er eine Schwäche für das Wort und möchte schreiben, so führt er vor den Augen aller ein Doppelleben. In der Schule der Sohn aus gutem Hause, der zum ersten Mal im Unterricht richtig mitmacht, weil ihm die junge Philosophielehrerin anspricht und in seiner Freizeit die körperliche Stärke sucht. Da er schon immer sehr verschlossen war und nicht viel redet, fällt sein Tun auch nicht wirklich auf. Aber er verändert sich, er entwickelt zum ersten Mal Mut und lässt seine Ängste hinter sich, er glaubt an seine Träume und möchte seinen Weg mit festen Schritten gehen, bis ihn etwas aus der Bahn wirft und er an eine Wendung kommt, die sein Leben wieder verändert.
Diese Entwicklung hat Gianrico Carofiglio sehr feinfühlig und sehr sensibel erzählt, er schaut seinen Figuren bis aufs Herz und hat dabei eine sehr ausdrucksstarke Gabe. Dazu kommt noch sein intensiver Einblick in die Philosophie was den Sinn im Leben nochmals bekräftigt und die Atmosphäre eines Italiens, was nie Ruhe geben wird, wenn es um Kampf und Ansichten geht. Obwohl es jetzt nicht das war, was ich erwartet hatte, war ich doch sehr angetan von dieser Reise und mochte es mal wieder einen intelligenten Roman zu lesen. Diesen Autor sollte man entdecken.  

 
Henry und ich fanden diesen geschilderten Lebensweg sehr interessant und vergeben die vollen Bücherpunkte:

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Über den Autor: 
 

Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. 2007 war er als Berater des italienischen Parlaments für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Von 2008 bis 2013 war Gianrico Carofiglio Mitglied des italienischen Senats. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Romane um den Anwalt Guido Guerrieri. Carofiglios Bücher feierten sensationelle Erfolge, wurden bisher in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u.a. mit dem Radio Bremen Krimipreis 2008. Er lebt mit seiner Familie in Bari.  


Vielen lieben Dank an den Goldmann Verlag für das  Rezensionsexemplar.  

Kommentare:

  1. Hyvää päivää, Inga.
    So let the comment be there...
    Wobei ich vermute, daß die Hauptfiguren seiner Romane sich nicht ausdauernd am mentalen Abgrund entlang hangeln, wie dies (zb) skandinavischen Werken gern zur "Eigenschaft" gemacht wird; wolkenverhangen dräuende Ausweglosigkeit & der Bus, den man/frau im Regen auch noch verpaßt!

    Jemand aus Spaß an der Schlägerei zu verkloppen ist eher kein Weg zu sich selbst, eben weil Gewalt nicht kontrolierbar ist. Selbstverteidigung ist ok, aber das Hinlangen, weil einem morgens die Milch über die Hose gekippt sein mag - nope!

    Auch hier wieder eine filmische Empfehlung mit 'Hooligans'...("er kanns aber auch nicht laßen").

    "Die Überraschung zwischen Prolog & Epilog zieht uns immer auf ein Neues zwischen die zwei Buchdeckel."
    (Myrelle Minotier - aus "Pour Langue")

    bonté

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    1. Buona sera Robert,

      nein nein nein, so ein Autor ist er nicht! Er ist Italiener ...lach...

      Ich glaube nicht das es hier um Spaß ging, zumindest nicht von der Hauptfigur, wohl eher ein "Ich könnte, wenn ich wollte und mir tut keiner mehr weh, von den Deppen!" Genau, pure Selbstverteidung. Das Problem, wo er lernt und deren Ziele ... in Italien broddelt es doch immer ...

      Er kann es nicht lassen und soll es auch nicht ...hihi....

      Hab einen schönen Abend
      Inga

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