Freitag, 11. August 2017

Rezension: Grégoire Delacourt * Der Dichter der Familie


Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Atlantik
ISBN-13:
978-3455404685
Preis: 20,00 EUR
E-Book: 15,99 EUR
Reihe: 1/1
Erscheinungsdatum: Juli 2017
Übersetzer: Tobias Steffel




Inhalt:
Édouard ist sieben, als er sein erstes Gedicht schreibt und der Familie vorträgt. Begeistert, mit viel Lob und Applaus nehmen sie es auf und in dem Augenblick steht fest, er wird später Schriftsteller. Doch so leicht sind vorformulierte Träume nicht. Édouard scheitert, in der Liebe, als Schriftsteller und irgendwie scheint ihn dieses Schicksal, in die Wiege gelegt, denn seine Umgebung zerbricht, in viele Einzelstücke. Wie soll er da nur ans Schreiben denken und warum, wird das immer von ihm verlangt? Sein Vater meinte mal zu ihm, „Schreiben heilt“, davon hat er bis jetzt nichts gemerkt und fühlt sich in seinem eigenen Leben als Versager. Was macht dieser Traum aus ihn? Findet er wirklich nie die richtigen Worte? Und folgt nicht nach einem Abstieg auch wieder der Aufstieg?

Meinung:
Letztes Jahr habe ich mein erstes Buch von diesem Autor gelesen und mit „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ konnte er mich total überzeugen. Ein richtiges Sommerbuch, zum entspannen und genießen. Natürlich wünschte ich mir dieses gleiche Wohlgefühl bei dieser Geschichte und der Klappentext sorgte für Vorfreude und liess auf großes Lesevergnügen hoffen. Ob mich der Autor auch dieses mal begeistern konnte, erzähle ich euch jetzt.

Im Mittelpunkt des Buches steht Édouard, der älteste Sohn von drei Kindern. Auf dem ersten Blick scheint es eine ganz normale Familie zu sein, aber der Schein trügt. Es ist alles andere als leicht. Der Vater war im Krieg, und als er wieder nach Hause zurückkehrte, wurde er sofort mit seiner Jugendliebe verheiratet. Sein wohl bedeutendster Satz im Leben, ist wohl „Mach den Mund auf, sonst entscheiden andere dein Leben“ und das, zieht sich durch die ganze Geschichte. Verpasste Chancen, schlechte Planung, unerfüllte Sehnsüchte und Depressionen beschreiben diese Familie. Das Drama schleicht sich leise an und wütet dann Schlag auf Schlag. Tja, und Édouard mittendrin. Er ist da leider wie sein Vater, lässt vieles geschehen, was er gar nicht möchte, weil er nicht die richtigen Worte findet. Überhaupt sucht er die richtigen Buchstaben und statt diese zu finden, ist er der gutmütige Tropf, der dann die Verantwortung trägt. Dabei könnte sein Leben gar nicht so schlecht verlaufen, statt Schriftsteller, ist er nämlich Werbetexter geworden und das ziemlich erfolgreich. Aber trotzdem fühlt er sich als Versager, da er das Buch, von dem alle reden, immer noch nicht veröffentlicht hat.

Die ganze Geschichte handelt eigentlich von Träumen, Hoffnung und Sehnsüchte, die sich alle nicht erfüllen und einige dran zerbrechen. Es sind die Wünsche, die man sich im Leben ersinnt und an denen man zerbricht. So wünscht sich die Mutter Liebe, der Vater sein Leben und eine Tochter, einen Märchenprinzen oder Édouard sein Buch. Oft sind es eigene ersponnene Träume, oder die in die Wiege gelegten. Allerdings haben beide was gemeinsam, sie machen das Leben nicht einfach und manche sollen eben nie in Erfüllung gehen.

Grégoire Delacourt nimmt sich hier einer traurigen Geschichte an, und obwohl ich sein Blick in das realistische Leben mag, war die Melancholie und die dramatische Steigerung schon recht überraschend und machte beim Lesen unglaublich wehmütig. Er erzählt nämlich nicht allein die Geschichte dieses jungen Mannes, sondern einer ganzen Familie und diese ist einfach schrecklich traurig. Der Anfang ist noch recht beschwingt, aber schnell kommt die Wende, Internat, Klinik, Scheidung, ungewollte Heirat, und wenn man aus dieser hinabschleife, ausbrechen möchte, schlägt auch noch das Schicksal zu. Édouard‘s Geschichte lehrt uns einfach, nicht immer an allen fest zuhalten, auch mal auf den Tisch zu hauen und statt die richtigen Worte zu suchen, einfach überhaupt was zu sagen.

Dabei benutzt der Autor leichte, sogar fast zarte Töne. Er haucht seinen Figuren Liebe ein und so leidet man, einfach schrecklich mit. Dabei verwendet er auch ganz gern gezielte Kosenamen, die einen manchmal etwas verwirren, es aber mit jeder weiteren Seite charmanter machten. Tja, und obwohl es recht schwermütig ist, habe ich es gern gelesen. Die Art des Erzählens und seine Figuren wachsen einen einfach ans Herz. Man leidet zwar furchtbar mit und möchte gern eingreifen, gibt aber auch nicht auf zu hoffen. Ich fand es wieder toll zu lesen, wünschte mir aber, dass er uns noch ein bis zwei Kapitel mehr gegönnt hätte, um die aufgewühlte Seele wieder träumen zu lassen.

Der Dichter der Familie ist eine ruhige und dramatische Familiengeschichte, die sehr sensibel, aber auch mit vielen Schicksalsschlägen erzählt wird und uns zeigt, dass Träume zwar wichtig sind, wir sie aber nicht immer einhalten können im Leben. Es ist nämlich immer Zeit, Neue zu erträumen.
 
Henry und ich mögen diese feinfühlige Erzählart und vergeben vier Bücherpunkte:

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Über den Autor:
 


Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren und lebt mit seiner Familie in Paris. Sein Bestseller Alle meine Wünsche wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht. Im Atlantik Verlag erschien von ihm zuletzt Die vier Jahreszeiten des Sommers (2016).

Quelle: Atlantik Verlag 

Vielen lieben Dank an den Atlantik Verlag für das  Rezensionsexemplar.

Kommentare:

  1. Un beau dimanche, Madame Inga.
    Deine Einführung in die Substanz des Romans ist ausgesprochen gelungen, sieht man/frau doch Figuren & deren Standpunkte im Drama klar umrißen. Da hatte jemand Freude an den Figuren!

    Ich denke, Wünsche im Leben sind das, was man/frau jeweils daraus macht. Ob Tagtraum oder Passion. Wichtig ist ihre Gewichtung. Denn Wünsche können Segen sein oder zum Fluch (auch für andere) werden. Sobald eine Manie daraus zu werden droht, ist es Zeit nach der Bremse zu sehen.

    Stimmt! Kinder sind kein Eigentum - von daher ist ein rechtzeitiges Aufmucken entscheident (was ich an altestamentarischen Geschichten immer so herrlich entlarvend finde, denn hier ist der Patriarch gern im Recht).

    Ziehe ich Dein Fazit zusammen, dann ist der obige Roman atmospärisch durchaus in einer Tradition von Jane Austen oder Virginia Woolf gehalten. Nur eben für die Zeit unserer Tage.

    Eine ansteckende Leseempfehlung ist Dir damit gelungen.

    Je vous souhaite une belle semaine.

    bonté

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    1. Salut Robert,

      ich kann hier nur sagen merci....

      Ja, die Geschichte hat mir trotz des Dramas und der vielen negativen Stimmen gut gefallen. Ich mag einfach seine Art zu erzählen und diese Genauigkeit zu der realen Welt. Das hat was ...

      Klar, alles was wir Tun, können wir beinflussen, ob nun zum Guten oder Schlechten, aber das muss ein Kind ja erst lernen und begreifen, das wurde unseren Helden lange Zeit genommen und hat ihn so im Leben gelähmt. Aber das Ende, ist ja auch manchmal ein Anfang ...hihi...

      Oh, mit Jane Austen würde ich es jetzt nicht vergleichen, aber stimmt schon, das sich der Protagonist finden muss. Nur eben die Liebe ist nicht ganz so im Mittelpunkt ...lach...

      Ich sage es gern nochmals, merci

      Liebe Grüße
      Inga

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